Kurz erklärt
- Nicht nur die Schmerzstärke zählt: Begleitsymptome, Dauer, Alltagsbewegung und der Verlauf über mehrere Tage ergeben gemeinsam ein aussagekräftigeres Bild.
- Migräne kann beidseitig oder drückend sein. Spannungskopfschmerz bedeutet nicht einfach Nackenverspannung.
- Beobachtungen helfen beim ärztlichen Gespräch, ergeben aber keinen Selbsttest. Neue Warnzeichen brauchen medizinische Hilfe statt weiterer Vergleiche.
„So schlimm ist es nicht, also kann es keine Migräne sein.“ Vielleicht kennst Du diesen Gedanken. Oder jemand nennt Deine Beschwerden „nur Spannungskopfschmerz“, weil Du noch arbeiten kannst. Beides greift zu kurz. Die Stärke sagt etwas über Deinen Schmerz, aber nicht allein über seine Ursache. Auch häufige Spannungskopfschmerzen können erheblich belasten. Du musst keine bestimmte Schmerzstufe erreichen, um Unterstützung zu verdienen.
Das Gesamtmuster ist wichtiger als ein Etikett
Bei Migräne ist der Kopfschmerz häufig mittelstark bis stark, pulsierend und auf einer Seite ausgeprägter. Diese Eigenschaften müssen aber nicht alle zusammen vorliegen: Auch beidseitiger oder drückender Schmerz kann zu Migräne gehören. Typische Begleitbeschwerden sind Übelkeit oder Erbrechen beziehungsweise eine gemeinsame Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen. Alltägliche Bewegung kann den Schmerz verstärken oder dazu führen, dass Du sie vermeidest.
Beim Kopfschmerz vom Spannungstyp ist der Schmerz typischerweise beidseitig, drückend oder ziehend und leicht bis mittelstark. Gewöhnliche Alltagsbewegung verstärkt ihn meist nicht. Die Bezeichnung beschreibt jedoch keine gesicherte Muskelursache. Druckempfindliche Kopf- oder Nackenmuskeln können vorkommen; daraus folgt nicht, dass eine Verspannung alles erklärt oder Entspannung allein die Erkrankung beseitigt.
Bei Begleitsymptomen ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Episodischer Spannungskopfschmerz geht nach den ICHD-3-Kriterien nicht mit Übelkeit oder Erbrechen einher. Licht- oder Geräuschempfindlichkeit ist möglich, aber nicht beides zusammen. Bei chronischem Spannungskopfschmerz darf dagegen leichte Übelkeit vorkommen; insgesamt höchstens eines der drei Merkmale Lichtempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit oder leichte Übelkeit. Mittelstarke oder starke Übelkeit und Erbrechen gehören nicht zu diesem Kriterienbild. Übelkeit allein beweist trotzdem keine Migräne, sondern gehört mit dem übrigen Verlauf abgeklärt.
Dauer und Bewegung richtig beschreiben
Migränekopfschmerz dauert bei Erwachsenen unbehandelt oder bei erfolgloser Behandlung typischerweise vier bis 72 Stunden. Episodischer Spannungskopfschmerz kann 30 Minuten bis sieben Tage dauern; chronische Beschwerden können stundenlang oder durchgehend bestehen. Diese Zeiträume überschneiden sich. Notiere deshalb nicht nur „lange“, sondern möglichst Beginn, Ende und Unterbrechungen. Wenn eine Behandlung die Beschwerden verkürzt hat, ist auch das wichtig: Du sollst sie nicht weglassen, um einen vermeintlich unverfälschten Verlauf zu beobachten.
Mit Alltagsbewegung ist beispielsweise der ohnehin notwendige Weg durch die Wohnung gemeint. Hilfreich ist die Beobachtung, ob er Beschwerden verstärkt hat oder Du ihn deshalb vermieden hast. Steige nicht absichtlich Treppen und provoziere keine Schmerzen, um eine Diagnose zu testen. Noch gehen oder etwas erledigen zu können, schließt Migräne nicht aus. Neu durch körperliche Belastung ausgelöster Kopfschmerz ist eine andere Frage und sollte ärztlich beurteilt werden.
Drei fiktive Szenen als Gesprächshilfen
Die folgenden Situationen sind ausdrücklich fiktiv, keine Patient:innenberichte und keine diagnostischen Aufgaben. Die organisatorischen Vorschläge sind redaktionelle Beispiele.
Büro: Druck auf beiden Seiten
Alex beschreibt beidseitigen Druck als „aushaltbar“. Gleichzeitig stören Licht und Gespräche stark; auf dem Weg zum Besprechungsraum wird der Schmerz stärker. Statt „beidseitig bedeutet Spannung“ könnte Alex beim Termin sagen: „Der Druck ist auf beiden Seiten, aber Licht, Geräusche und Bewegung verändern meinen Tag.“ Diese Kombination verdient Aufmerksamkeit, legt für sich allein jedoch keine Diagnose fest. Im Büro kann Alex eine Unterbrechung und einen ruhigeren Platz ansprechen.
Haushalt: Der Nacken ist mit dabei
Samira spürt nachmittags Druck am Kopf und einen unangenehmen Nacken. Leichte Tätigkeiten verändern den Schmerz nicht; Übelkeit bemerkt sie nicht. „Es kommt sicher vom Nacken“ wäre trotzdem eine voreilige Erklärung. Hilfreicher: „Seit wann treten Kopf- und Nackenbeschwerden auf, wie lange halten sie an und wie oft passiert das?“ Für den Moment könnte Samira Aufgaben aufteilen, statt aus der vermuteten Ursache eine Pflicht zum Durchhalten abzuleiten.
Freizeit: Nicht jeder Tag fühlt sich gleich an
Bei Robin gibt es Tage mit Übelkeit und Rückzugsbedarf und andere mit weniger auffälligem Kopfdruck. Robin sagt beim Termin: „Ich habe unterschiedliche Kopfschmerztage und weiß nicht, ob sie zusammengehören.“ Gemeinsame Pläne können vorerst eine unkomplizierte Absagemöglichkeit enthalten. Unterschiedliche Tage sind kein Beweis für zwei Erkrankungen; die Zuordnung braucht den Gesamtverlauf.
Wechselnde Beschwerden bedeuten nicht automatisch zwei Diagnosen
Migräne und episodischer Spannungskopfschmerz können bei derselben Person vorkommen. Bei chronischer Migräne können aber auch spannungstypähnliche Tage zum selben Krankheitsbild gehören. Chronische Migräne umfasst nach ICHD-3 Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen monatlich über mehr als drei Monate, davon mindestens acht Tage mit den entsprechenden Migränemerkmalen beziehungsweise migränespezifischen Kriterien, bei entsprechender Vorgeschichte. Dafür gelten weitere Diagnosevoraussetzungen. Spannungstypähnliche Tage begründen dann nicht automatisch eine zusätzliche Spannungskopfschmerzdiagnose.
Auch die Schmerzstärke erfasst nicht die gesamte Belastung: Erholung und Konzentration können länger beeinträchtigt sein. Mehr dazu erklärt Migränephasen und Erschöpfung (noch nicht veröffentlicht).
Dein nächster Schritt – und wann Du nicht warten solltest
Für einen regulären Termin hilft ein Kopfschmerztagebuch: Kopfschmerztage, Dauer, Stärke, Begleitsymptome, Einschränkungen und verwendete Medikamente. Unsicherheit darf als solche stehen bleiben. Angehörige können mit Deinem Einverständnis Beobachtungen ergänzen, ohne Dir ein Etikett zuzuschreiben. Symptome und Diagnose erklären die ärztliche Einordnung genauer. Wiederkehrende, zunehmende oder alltagsbeeinträchtigende Beschwerden sind Anlass für einen Termin; ein vollständiges Tagebuch ist keine Voraussetzung.
Ruf 144 bei plötzlich innerhalb von Sekunden oder wenigen Minuten maximal starkem Kopfschmerz, neuen akuten Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen oder Bewusstseinsstörung. Ordne neue neurologische Ausfälle nicht selbst als Aura ein. Kopfschmerzen mit Fieber, nach Kopfverletzung oder mit deutlicher Veränderung gehören rasch medizinisch beurteilt. Bei gesundheitlicher Unsicherheit ohne Notfall hilft 1450. Dieser Vergleich ersetzt keine Untersuchung und darf dringende Abklärung nicht verzögern.
Quellen und Stand
Quellenstand: 27. Oktober 2026. Die beschriebenen Merkmale dienen der Orientierung, nicht der Selbstdiagnose.
- International Headache Society: ICHD-3, Migräne ohne Aura und Kopfschmerz vom Spannungstyp.
- International Headache Society: ICHD-3-Gesamtausgabe, Abschnitte 1.3, 2.1–2.3: chronische Migräne und episodischer beziehungsweise chronischer Spannungskopfschmerz.
- NICE: CG150, Empfehlungen 1.1–1.3: Diagnostik, Tagebuch und Warnzeichen. Britische klinische Leitlinie; keine österreichische Versorgungs- oder Erstattungsregel.
- Gesundheitsportal Österreich: Notrufnummern und Gesundheitsberatung.