Eine Migräneprophylaxe ist eine langfristige Behandlung. Sie soll nicht eine gerade laufende Attacke beenden, sondern Häufigkeit, Stärke oder Dauer zukünftiger Attacken beeinflussen. Dieser Artikel erklärt die Wirkstoffgruppen, die in der aktuellen DGN/DMKG/ÖKSG-Leitlinie beschrieben werden. Er ist reine Information für Erwachsene: keine Dosierungen, kein Stufenplan und keine persönliche Empfehlung. Nichtmedikamentöse Möglichkeiten erklärt der Artikel Nichtmedikamentöse Migräneprophylaxe.
Eine medikamentöse Prophylaxe kann laut Leitlinie bei besonderem Leidensdruck, einer eingeschränkten Lebensqualität oder einem Risiko für Medikamentenübergebrauch erwogen werden. Weitere Kriterien sind unter anderem:
- drei oder mehr Attacken im Monat, die die Lebensqualität beeinträchtigen,
- Attacken, die regelmäßig länger als 72 Stunden dauern,
- keine ausreichende Wirkung oder nicht tolerierbare Nebenwirkungen der empfohlenen Akuttherapie einschließlich Triptanen,
- eine zunehmende Attackenhäufigkeit bei häufigerer Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln,
- beeinträchtigende oder lang anhaltende Auren bei komplizierten Attacken sowie ein migränöser Hirninfarkt, nachdem andere Ursachen ausgeschlossen wurden.
Diese Kriterien sind eine Grundlage für das ärztliche Gespräch, kein Selbsttest und kein Stufenplan.
Medikamentöse Prophylaxe: Wirkstoffgruppen und Wirkweise
Die folgenden Gruppen wirken an unterschiedlichen Stellen im Nervensystem. Ihre Wirkweise beschreibt, welche Signale oder Botenstoffe ein Medikament beeinflusst. Daraus lässt sich nicht ableiten, welches Mittel für eine einzelne Person wirksamer oder besser verträglich ist.
Eine Nennung in der Leitlinie bedeutet nicht automatisch eine Zulassung für Migräne: Valproat und Candesartan werden dafür in Österreich außerhalb der zugelassenen Indikation (Off-label) verwendet. Daraus folgt keine persönliche Behandlungsempfehlung.
Betablocker
Betablocker blockieren Beta-Rezeptoren, also Andockstellen für die Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin. Diese steuern unter anderem Herz-Kreislauf-Funktionen. Wie Betablocker Migräneattacken vorbeugen, ist nicht vollständig geklärt.
- Metoprolol: Blockiert bevorzugt Beta-1-Rezeptoren, die vor allem am Herzen vorkommen.
- Propranolol: Blockiert Beta-1- und Beta-2-Rezeptoren. Beta-2-Rezeptoren finden sich unter anderem in den Atemwegen und Blutgefäßen. Der Unterschied in der Rezeptorwirkung sagt nicht, welcher Wirkstoff für eine Person geeigneter ist.
Kalziumantagonist
Kalziumantagonisten verringern einen übermäßigen Kalziumeinstrom in Zellen. Kalzium hilft Nervenzellen dabei, Signale weiterzugeben und ihre Erregbarkeit zu steuern.
- Flunarizin: Ein selektiver Kalzium-Einstromblocker. Die verfügbare Fachinformation benennt bei Migräne keinen einzelnen Kalziumkanaltyp als alleinigen Angriffspunkt.
Antikonvulsiva
Antikonvulsiva wurden ursprünglich für Epilepsie entwickelt. Sie verändern die Erregbarkeit von Nervenzellen, greifen dabei aber an unterschiedlichen Stellen an.
- Topiramat: Hemmt zustandsabhängig Natriumkanäle, verstärkt die hemmende Wirkung des Botenstoffs GABA, schwächt bestimmte aktivierende Glutamatrezeptoren und hemmt einige Carboanhydrase-Enzyme. Vereinfacht beeinflusst es mehrere Systeme, die mitentscheiden, wie leicht Nervenzellen Signale weitergeben. Zur Migräneprophylaxe darf es in der Schwangerschaft nicht angewendet werden. Wenn Du schwanger werden kannst, gelten die Bedingungen des Schwangerschaftsverhütungsprogramms: Schwangerschaftstest vor Beginn, Risikoaufklärung und mindestens jährliche Überprüfung. Hochwirksame Verhütung ist während der Behandlung und noch mindestens vier Wochen nach dem Absetzen erforderlich. Welche Verhütung geeignet ist, muss die Praxis auch wegen möglicher Wechselwirkungen prüfen. Bei Schwangerschaftsverdacht oder Kinderwunsch kontaktiere sofort die verordnende Praxis.
- Valproinsäure/Valproat: Verstärkt unter anderem die hemmende GABA-Wirkung. GABA ist ein Botenstoff, der die Aktivität von Nervenzellen dämpfen kann. Die Migräneprophylaxe ist in Österreich eine Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikation (Off-label). Die Migräneleitlinie schließt den Einsatz bei Frauen, die schwanger werden können, aus; in der Schwangerschaft darf es zur Migräneprophylaxe nicht angewendet werden. Auch Männer brauchen fachärztliche Beratung zu Kinderwunsch und vorsorglicher wirksamer Verhütung für sich und ihre Partnerin während der Behandlung und mindestens drei Monate nach dem Absetzen. Spende in dieser Zeit keinen Samen. Besprich Kinderwunsch vor dem Beenden der Verhütung. Die EMA bewertet die Daten im Juni 2026 als widersprüchlich; ein ursächlicher Zusammenhang mit Entwicklungsstörungen beim Kind ist nicht geklärt. Die Vorsichtsmaßnahmen bleiben bestehen. Verändere die Behandlung nicht ohne ärztliche Rücksprache.
Trizyklisches Antidepressivum
Trizyklische Antidepressiva beeinflussen Botenstoffe, die an der Signalübertragung zwischen Nervenzellen beteiligt sind.
- Amitriptylin: Hemmt die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin an Nervenendigungen. Diese Botenstoffe bleiben dadurch länger im Signalraum zwischen Nervenzellen verfügbar. Amitriptylin hat außerdem anticholinerge und beruhigende Eigenschaften. Seine Verwendung bei Migräne bedeutet nicht, dass Migräne eine Depression ist.
CGRP-/CGRP-Rezeptor-Antikörper
CGRP ist ein Botenstoff, der bei Migräne an der Schmerzübertragung und Gefäßregulation beteiligt ist. Die Antikörper greifen gezielt in dieses Signal ein. Unterschiedliche Zielstruktur oder Darreichungsform belegen keine Überlegenheit eines Antikörpers gegenüber einem anderen.
- Erenumab: Blockiert den CGRP-Rezeptor, also die Andockstelle für CGRP. Es wird unter die Haut gespritzt; die zentral zugelassenen Darreichungsformen sind Fertigspritze und Fertigpen.
- Eptinezumab: Bindet CGRP selbst, bevor es den Rezeptor erreichen kann. Es wird als intravenöse Infusion verabreicht.
- Fremanezumab: Bindet CGRP selbst und wird unter die Haut gespritzt. Die zentral zugelassenen Darreichungsformen sind Fertigspritze und Fertigpen.
- Galcanezumab: Bindet ebenfalls CGRP selbst und wird unter die Haut gespritzt. Die zentral zugelassenen Darreichungsformen sind Fertigspritze und Fertigpen.
Orale CGRP-Rezeptorantagonisten (Gepante)
Gepante sind kleine Moleküle zur Einnahme, keine Antikörper. Sie blockieren den CGRP-Rezeptor und unterbrechen damit ein an Migräne beteiligtes CGRP-Signal.
- Rimegepant: Das zentral zugelassene Präparat Vydura ist ein orales Lyophilisat. Es zerfällt im Mund und kann ohne Flüssigkeit eingenommen werden. Neben der Akutbehandlung ist es zur Vorbeugung episodischer Migräne bei mindestens vier Attacken pro Monat beschrieben.
- Atogepant: Wird oral eingenommen und ist zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat zugelassen. Die aktuelle EMA-Information zu Aquipta nennt außerdem die Akutbehandlung mit oder ohne Aura. Wenn Du es vorbeugend einnimmst, darfst Du es nicht zusätzlich gegen eine aktuelle Attacke einsetzen, weil die maximal empfohlene Tagesmenge bereits erreicht ist. Besprich mit Deiner Praxis die dafür vorgesehene Akutbehandlung. EU-Zulassung, aktuelle österreichische Lieferbarkeit und Kostenübernahme sind getrennte Fragen.
Die unterschiedlichen Indikationstexte sind keine Rangfolge zwischen den Wirkstoffen.
Botulinumtoxin
Botulinumtoxin hemmt an Nervenenden die Freisetzung bestimmter Botenstoffe.
- OnabotulinumtoxinA: Hemmt die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin, indem es ein dafür nötiges Protein spaltet. Wie es die Symptome einer chronischen Migräne lindert, ist laut Fachinformation nicht vollständig geklärt; beschrieben wird eine mögliche Unterdrückung peripherer und dadurch auch zentraler Sensibilisierung. Die Anwendung bezieht sich auf die chronische Migräne, nicht auf jede Migräneform.
Hinweis: Die genannten Wirkstoffe sind keine Rangliste. Nicht jeder Wirkstoff ist für jede Person, jede Migräneform oder jede Begleiterkrankung geeignet; die Auswahl gehört in die medizinische Abklärung.
Wichtig bei Schwangerschaft, Stillzeit oder Kinderwunsch: Besprich Beginn, Änderung oder Absetzen einer Migränebehandlung mit der behandelnden Praxis. Welche Wirkstoffe infrage kommen, hängt vom einzelnen Arzneimittel, dem Schwangerschaftsabschnitt, Stillen, weiteren Erkrankungen und Begleitmedikamenten ab. Beachte besonders die Einschränkungen und Sofortmaßnahmen bei Topiramat, Valproat und Candesartan oben. Geplante Änderungen gehören in die medizinische Begleitung; produktbezogene Sofortmaßnahmen bei schweren Nebenwirkungen bleiben davon ausgenommen.
Was „chronische Migräne“ in diesem Zusammenhang bedeutet
Die ICHD-3 bezeichnet Migräne als chronisch bei Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat über mehr als drei Monate, wenn an mindestens acht dieser Tage Migränemerkmale oder die dort beschriebenen migränespezifischen Voraussetzungen bestehen. Diese Definition ist keine Anleitung zur Selbstdiagnose; andere Ursachen und Medikamentenübergebrauch müssen ärztlich eingeordnet werden. Die besondere Zulassung von OnabotulinumtoxinA bezieht sich auf diese chronische Form.
Medikamententage bleiben auch bei Prophylaxe wichtig
Eine Prophylaxe ist nicht dasselbe wie häufigere Akutmedikation. Die ICHD-3 beschreibt Übergebrauch unter anderem ab 10 Tagen mit Triptanen oder Kombinationsanalgetika beziehungsweise ab 15 Tagen mit nicht-opioiden Schmerzmitteln pro Monat, jeweils über mehr als drei Monate. Zur Diagnose gehören zusätzlich mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat und weitere ärztliche Kriterien. Das sind keine sicheren Ausschöpfungsgrenzen; auch wechselnde Mittel oder Wirkstoffklassen können zusammen Übergebrauch bilden. Besprich häufigen oder steigenden Bedarf frühzeitig; ein Tagebuch kann die Gesprächsgrundlage schaffen. Geplante Änderungen oder Absetzen gehören in die medizinische Begleitung.
Neu auftretende, deutlich veränderte oder rasch maximal starke Kopfschmerzen sowie neurologische Ausfälle, Bewusstseinsstörungen oder Fieber müssen dringend medizinisch abgeklärt werden. Sie sollten nicht als Anlass verstanden werden, eine Prophylaxe selbst zu beginnen oder zu verändern.
Quellen
Redaktioneller Quellenabgleich: 10.10.2026. Allgemeine Information, keine individuelle Behandlungsempfehlung oder behauptete fachärztliche Freigabe.
- DGN/DMKG/ÖKSG: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne, S1-Leitlinie, Version 7.1, 2025
- Fachinformation: Metoprolol und Propranolol
- Fachinformation: Topiramat, Natriumvalproat und Amitriptylin
- Fachinformation: Flunarizin
- EMA: Aimovig (Erenumab), Produktinformation, Vyepti (Eptinezumab), Ajovy (Fremanezumab) und Emgality (Galcanezumab)
- EMA: Vydura (Rimegepant), Produktinformation und Aquipta (Atogepant), Produktinformation
- EMA: Aquipta, Übersicht, Stand 25.08.2026
- EMA: Topiramat – Schwangerschaftsverhütungsprogramm und Vierwochenfrist
- EMA: aktuelle Bewertung zu Valproat bei Männern, 12.06.2026
- EMA: Vorsichtsmaßnahmen für Männer unter Valproat, 12.01.2024
- BASG: Candesartan G.L., Fachinformation
- Fachinformation: BOTOX (OnabotulinumtoxinA)
- International Headache Society: ICHD-3 – Chronic migraine
- International Headache Society: ICHD-3 – Medication-overuse headache